Voraussetzung für ein Seminar
Notwendige Voraussetzung für ein Psychose-Seminar ist ein neutraler Raum, d.h. ein Raum, der in seinem Charakter und seiner alltäglichen Nutzung nicht auf bestimmte Rollenerwartungen festlegt. Ein Raum, der sonst ständig für Gruppentherapie genutzt wird, ist weniger geeignet als ein normaler Seminarraum. Gut geeignet sind auch Räume ausserhalb der Psychiatrie, also etwa Räume der Volkshochschule, der Bibliothek oder der Kirchen. In Zürich hat sich die Selbsthilfecenter in der Nähe des Klusplatz als günstig erwiesen.

Zeitstruktur
Manche Psychose-Seminare starten mit einer begrenzten Zahl von einzeln angekündigten Testveranstaltungen zu bestimmten bewährten Themen, z.B.: «Wie ist eine Psychose zu verstehen?» oder «Was braucht man in einer Psychose?». Die eigentlichen Psychose-Seminare laufen dann in der Regel über einen längeren Zeitraum von einem Semester/Halbjahr bis zu einem Jahr. Ein Seminar umfasst dann also in der Regel acht bis zwanzig Treffen. Die einzelnen Termine dauern meist zwei Stunden, inkl. einer festgelegten Pause in der Mitte. Die Pause hat eine wichtige Funktion. Sie erlaubt Entlastung und wechselseitige informelle Gespräche! Das zweistündige Psychose-Seminar in Zürich findet zweiwöchentlich, jeweils Montagabend statt. Wir bieten ein Sommer- und ein Wintersemester an.

Freiwillige Teilnahme
Eigentlich versteht sich das von selbst: Ein Psychose-Seminar kann nicht verordnet werden. Jede Person entscheidet am besten für sich selbst, zu welchem Zeitpunkt ihrer Erfahrung sie sich in welcher Weise anderen zeigt oder sich deren Erfahrungen öffnen will. In den meisten Psychose-Seminaren ist auch eine punktuelle Teilnahme an einem bestimmte Thema oder ein vorsichtiges »Schnuppern« möglich, obwohl es natürlich sinnvoll ist, den Diskussions- und Gruppenprozess längerfristig mitzuerleben.

Möglichkeit, anonym zu bleiben
Es ist in Psychose-Seminaren nicht üblich und nicht sinnvoll, am Anfang alle in ritualisierten Vorstellungsrunden zur Veröffentlichung der eigenen Perspektive zu zwingen. Im Gegenteil, es sollte möglich sein, auch »unerkannt« teilzunehmen. In jedem Fall sollte es jedem überlassen bleiben, wann er etwas von sich einbringen will.

Mittlere Grösse
Psychose-Seminare sollten nicht zu gross und nicht zu klein sein. Eine zu kleine Gruppe kann einer Therapiegruppe zu ähnlich werden und einen indirekten Zwang zur Intimität ausüben. Jedes Schweigen wird dann bedeutsam, und das Gespräch verliert an Leichtigkeit. Eine zu grosse Gruppe kann hingegen zuviel Fremdheit erzeugen und es einzelnen Teilnehmern schwer machen, sich zu äussern. Die Erfahrungen sind aber unterschiedlich. Manche Seminare verkraften sogar kleine Teilnehmerzahlen; in Hamburg waren manche Veranstaltungen trotz der Anzahl von bis zu hundert Teilnehmenden fruchtbar. In Zürich arbeiten wir in zwei Gruppen (mit ca. 10 -15 Personen je Gruppe) am gleichen Abend.

Grundfragen
Im Psychose-Seminar geht es vor allem um zwei Grundfragen:

  • Wie sind Psychosen umfassend und eben nicht nur medizinisch zu verstehen?
  • Was brauchen Menschen in Psychosen, und was brauchen Angehörige und Mitarbeiter, um zu einer offenen und ehrlichen Begegnung und Auseinandersetzung in der Lage zu sein?

Themen gemeinsam festlegen
Verschiedene Themen erlauben einen immer neuen Zugang zu den Grundfragen. Die Themen sollten gemeinsam festgelegt und nicht von einer Person oder Teilgruppe dominiert werden. Manche Psychose-Seminare legen die Themen am Ende einer Stunde für die nächste, andere am Anfang eines Semesters für den anstehenden Zeitraum fest. Einige bleiben bei einem Thema, bis es »zu Ende« ist, andere zirkulieren nach einer einmal vereinbarten Reihenfolge. In Zürich hat sich bewährt, dass wir am ersten Abend des Semesters die Themen festlegen, an welchen wir arbeiten wollen, und sie den Daten zuordnen.

Kerngruppe
In der Regel kümmert sich eine Kerngruppe um die organisatorischen Belange der Psychose-Seminare. In Zürich bemühen wir uns, die Kerngruppe ebenfalls trialogisch zusammengesetzt zu halten, mit je zwei Vertretern der Erfahrenen, der Angehörigen und der Profis.


Literaturangaben: „Es ist normal, verschieden zu sein!“ Hg. Arbeitsgemeinschaft Psychoseseminare Deutschland, Thomas Bock et al.